Historie

Die Geschichte des Hölzles

Die Hölzle-Geschichte begann im Jahr 1958. Nachfolgend ein Bericht aus der Festschrift, die 1997 anlässlich der Einweihung des Neubaus veröffentlicht wurde. Darin erzählt der Gründer des Hölzles wie alles begann…

Pfarrer Schmid berichtet:

Es war in den ersten Apriltagen 1958. Wieder einmal war ich unterwegs, um einen Platz für ein „Ferienheim“ zu suchen. Seit Wochen hatte ich schon auf meinen Fahrten durch den Kirchenbezirk nach etwas Brauchbarem ausgeschaut und nichts gefunden. Auch an diesem Tage schien es wieder nichts zu werden. Der Platz, auf dem ich am Fohrhäldele stand, war zwar schön; aber würde er auch der richtige Platz sein? Und weshalb suchte ich überhaupt?

 

Als ich im Februar 1957 nach Biberach kam, gehörte zu meinem Dienstauftrag auch die Seelsorge und die Jugendarbeit im Flüchtlingslager im Gaisental und am Lindele. Rund 1400 Menschen waren damals dort „untergebracht“. Jedem standen genau 4 qm „Wohnraum“ zur Verfügung. Oft musste ein Raum von mehreren Familien geteilt werden. Noch im Jahre 1957 hatte ich – zusammen mit Herrn Zizmann – die ersten Freizeiten für Jugendliche aus dem Lager durchgeführt. Für die Kinder unter 14 Jahren aber geschah nichts, obwohl diese unter den Verhältnissen am meisten zu leiden hatten. Insbesondere während der Schulferien waren sie übel dran. So ließ mich die Frage nicht los: Wie konnte man diese Kinder während der Ferien wenigstens tagsüber aus dem Flüchtlingslager herausholen? Wie konnte man sie gut verpflegen, ihnen erholsame, erlebnisreiche Ferientage, Freude und gute Freunde vermitteln?

Natürlich mit einem Ferienheim!


Aufbau des Zeltes auf dem Hölzlegelände

In Stuttgart und anderswo im Lande waren diese Einrichtungen der „örtlichen Kindererholungsfürsorge“ längst selbstverständlich. Warum nicht auch in Biberach? Dafür also suchte ich einen Platz. Wann und wo würde ich ihn finden? Dies ging mir an jenem Tag im Kopf herum.

„Suachet Se äbbes B’sonders?“

Ich fuhr herum – und stand unserem Kirchengemeinderat Julius Schmid aus Bergerhausen gegenüber. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Das Feld, auf dem ich stand, gehörte ihm. Bis dahin hatte ich mit niemand – außer mit meiner Frau – über meine Gedanken gesprochen. Und sie blieb meine engste Mitarbeiterin im Ferienheim, in dem sie jahrelang die gesamte Wirtschaftsleitung übernahm. Nun „offenbarte“ ich mich Herrn Schmid, wenigstens ein bisschen. Ich wollte nicht „gackern“, ehe ich gewiss war, auch „legen“ zu können. Seine Antwort war schlicht: „Warom guckat Se net ens Hölzle nei, glei droba auf ‚m Berg. Do hot ’s Platz gnua“.

Ich ließ es mir nicht zweimal sagen, stieg die Halde hinauf und stand im Hölzle. Das war der Platz! Nun überstürzten sich die Fragen: Wie sollen die Kinder untergebracht, die sanitären Einrichtungen geschaffen werden? Woher soll das Wasser, der Strom, das Mobiliar und das Geschirr, die Helfer – und zu allem das Geld kommen? Und dies alles in nur drei Monaten?

War es nicht gescheiter, noch einmal ein Jahr zu warten und in diesem Jahr alles gründlich vorzubereiten? Aber konnten die Kinder im Lager auch warten? Da hörte ich es plätschern! Aus der Böschung kam ein feiner Strahl Wasser! Und das aus einer Wasserleitung! Na also, dachte ich, mach erst mal weiter! So ging ich sofort zum anderen Kirchengemeinderat Schmid, zu Herrn Georg Schmid! Vielleicht konnte mir der Bauunternehmer eine Baubaracke vermitteln, in der ich alles unterbringen konnte!
Eine Baracke ließ sich ja in kurzer Zeit aufbauen und einrichten. In seiner stillen, besonnenen Art meinte er: „Ha, des lässt sich scho macha!“ Und ich – in meiner Freude vergaß glatt, ihn zu fragen, wie groß die Baracke denn sein würde! Ich stellte mir natürlich so eine vor, wie sie im Flüchtlingslager standen.

Nun also war ich soweit, dass ich andere einweihen konnte und musste. Zu den Ersten gehörte Herr Zizmann, der Vorsitzende des Kreisjugendrings. Als Katechet konnte er mir viel helfen. Vor allem junge Leute gewinnen, die bereit waren, als „Onkel und Tanten“ mitzuarbeiten. Dann auch der Lagerjugendreferent, Herr Schinke. Er hatte am 1.4.1958 an meiner Stelle die Lagerjugendarbeit übernommen, während ich weiterhin für die Seelsorge im Lager zuständig war.

Mit diesen Freunden besprach ich die nächsten Schritte.

Nun musste also der Herr Dekan und der Kirchengemeinderat unterrichtet werden. Glücklicherweise gab er mir das Recht und den Mut weiterzumachen. Die notwendigen Anträge an den Kirchengemeinderat wurden gestellt und ein Ferienheim-Ausschuss gebildet, der die weitere Arbeit mittragen und mitverantworten sollte. Herr Pfarrer Elsäßer war bereit, den Vorsitz zu übernehmen.

Ich will es kurz machen. Es folgten die Verhandlungen mit der Stadt Biberach. Sie stellte uns bereitwillig das Hölzle pachtfrei zur Verfügung. Dazu auch die ehemalige Schülerspeisungsküche am Pestalozzihaus. Ein paar Jahre lang haben wir dort gekocht und das Essen mit dem Werkstattwagen der Firma Belser ins Hölzle gebracht!

Die Stadtverwaltung stellte uns die gleichen Beiträge in Aussicht, die andere Städte für die Ferien- und Waldheime zahlten. Die Stadträte freilich waren nicht so schnell bereit Zuschüsse zu gewähren. Sie taten es dann doch, nachdem das erste Ferienheim vorüber war. Und von da an konnten wir immer mit der Unterstützung der Stadt rechnen.

 

Wir machten weiter und dabei half uns auch die „Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Ferien- und Waldheime“ in Stuttgart. Sie nahm auch uns auf, sorgte für die Staatszuschüsse und beschaffte die Lebensmittel nach einem von ihr vorbereiteten Speiseplan. Vor allem war sie bereit, dies alles vorzufinanzieren.


Küchenfrauen im Jahr 1958 vor der als Teeküche genutzten Hütte

Jetzt war es also Zeit mit Herrn Georg Schmid zu sprechen und ihn zu bitten, die versprochene Baracke aufzustellen!

„Ha, des pressiert net. Des isch im a halba Tag g schafft!“

„Wieso?“ fragte ich. Wie gesagt, ich hatte an eine ausgewachsene Baracke gedacht – aber er an eine Bauhütte, 4 x 4 m groß! Ich fiel aus allen Wolken! Sollte nun daran alles scheitern? Einfach weil es keinen Raum für die Kinder gab? Niemals! Wenn kein Haus, warum kein Zelt? Ein Bierzelt musste her! Also auf zum „Biber“ und zum „Haberhäusle“ und dann war klar: Keine Brauerei in Oberschwaben hatte ein eigenes Zelt! Ziemlich niedergeschlagen klagte ich Herrn Schuler, dem Lagerleiter, meine Sorgen. Und der verwies mich an die EVS, die angeblich ein Ausstellungszelt hatte.

Also ging ich zu unserem Kirchengemeinderat Christaller. Er war seinerzeit einer der Direktoren der EVS. Er war sofort bereit das Zelt auszuleihen. Seit Jahren stand es zum Verkauf – und niemand wollte es. Ich fragte schüchtern nach dem Preis des 250-Quadratmeter-Zeltes: 77.000 DM! Mir fuhr heraus: „Das kaufe ich!“ Dabei hatte ich keine müde Mark. Dafür hatte ich die Zusage in der Tasche, dass ich innerhalb von 12 Monaten bezahlen könne. Das war der Durchbruch.

Der Sachbearbeiter wurde von Herrn Christaller angerufen. Und da gab’s noch einmal eine Überraschung; denn dieser war soeben dabei, einen Kaufvertrag für dieses Zelt mit einer bayrischen Brauerei abzuschließen. Aber das Wort von Herrn Christaller sicherte uns das Zelt.

Nun ging alles Schlag auf Schlag: An der „Schützen“ fing ich mit ein paar jungen Leuten aus dem Lagerjugendkreis an, die Grube für das (Klo)-„Häuschen“ auszuheben.

Das blieb nicht unbemerkt. Wir bekamen Zuschauer aus Bergerhausen. Genau die Richtigen: Mitarbeiter der Firma Georg Schmid! Und die packten eines Tages einfach und ungebeten mit zu. Sie konnten es und alles wurde rechtzeitig und sachgerecht fertig!

Wir bekamen von Herrn Schmid eine nagelneue Bauhütte, die wir als Teeküche einrichteten.

Wir fanden in Kirchengemeinderat und Zimmermeister Kemmerle aus Ummendorf einen treuen Freund, der Jahr für Jahr mit seiner Mannschaft das Zelt auf und abbaute – und schließlich auch die heutige Halle errichtete!

Wir bekamen Tische und Stühle und Bänke von der Stadt und den Brauereien. Gemeindemitglieder schenkten uns Geschirr und Bestecke und Spielsachen. Es war ein lustiges Sammelsurium – aber am Ende hatte jedes Kind, was es zum Essen und Spielen brauchte!

Auf unseren ersten „Bittbrief“ flossen die Spenden und zwar so, daß wir gut durchkamen. Am Ende blieb so viel übrig, daß wir das Zelt zahlen konnten. 7 Jahre lang hat es gehalten und dabei Stürmen und Gewittern, Sonne und Regen standgehalten.

So wichtig dies alles ist, etwas anderes war gewichtiger: Wir bekamen Kinder! 160 Kinder wurden uns anvertraut. Kinder aus dem Lager und aus der Stadt, Kinder von berufstätigen Müttern, unterernährte Kinder und gut ernährte. Kinder von Geschäftsleuten und von alleinstehenden Müttern. Lauter Kinder, die ihre Ferien allein in Biberach hätten verbringen müssen.

 

Wir bekamen auch viele gute Mitarbeiter: Schüler aus unseren Gymnasien und Studenten der PH in Reutlingen und Weingarten. Brauchbare und willige Helfer, die sich liebevoll für die ihnen anvertrauten Kinder einsetzten. Es war eine Freude, mit ihnen zu arbeiten!

Wir bekamen gute Küchenfrauen, voran unsere „Mutter Schmo“ (Frau Schmolinski), die jahrelang – bis zu ihrer Erkrankung – unsere Küche leitete.


Eine der ersten Mahlzeiten im Hölzle-Zelt

Eines ist in meiner Erinnerung fest verankert: Der Anfang war schwer aber „wunderbar“. Für mich war er wirklich voller „Wunder“.

Lassen Sie mich deshalb mit einem solchen „Wunder“ schließen, das sich „am Rande“ des Ferienheims zutrug.

Es war wohl am Ende der zweiten Woche des ersten Ferienheims. An jenem Samstag zog gegen Mittag ein Gewitter auf. Ich war in der Stadt, um Milch und anderes einzukaufen, als der Sturm losbrach. Im Wolkenbruch fuhr ich eilends ins Hölzle. Das Zelt flatterte und krachte unter den Sturmböen. Es knallte so laut, dass man kaum sein eigenes Wort hören konnte. Die Kinder hatten schreckliche Angst. Ich auch! Angst, wie ich sie seit dem Kriege nicht mehr erlebte. Angst um die Kinder!

Auf ein Stoßgebet ging ich ins Bauhüttle. Und dann wieder zu den Kindern ins Zelt. Die Balken ächzten und wir fingen an zu singen!

„Lobe den Herren …“ und anderes, was uns gerade einfiel.

Später hörte ich, dass einer der Väter in seiner Angst ins Hölzle gefahren war, um seine Kinder in Sicherheit zu bringen. Er ist ohne die Kinder wieder heimgefahren. Seiner Frau soll er gesagt haben: „Für dia brauchst net sorge! Dia send guat aufg’hobe, für dia sorgt a anderer“.

Am Ende war das Eis gebrochen, nicht nur in der Gemeinde, auch bei den Stadtvätern.

Ich wünsche dem „Hölzle“, dass es dabei bleiben möge. Dass die Kinder im Hölzle stets „gut aufgehoben sind“, weil sie dem ans Herz gelegt sind, der die Kinder schon immer segnend in Schutz genommen hat.

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